Fast 'Santo Subito'

Am 1. Mai wird Johannes Paul II., der erste polnische Papst, seliggesprochen. Der Tiroler Sonntag sprach dazu mit Andreas Krzyzan, Klinikseelsorger und Landsmann von Papst Johannes Paul II.
 Am 1. Mai wird Johannes Paul II., der erste polnische Papst, seliggesprochen. Der Tiroler Sonntag sprach dazu mit Andreas Krzyzan, Klinikseelsorger und Landsmann von Papst Johannes Paul II.  Am 1. Mai wird Johannes Paul II., der erste polnische Papst, seliggesprochen. Wie sehen Sie das und wie Ihre Landsleute?Krzyzan: Ich habe in den vergangenen  Wochen verstärkt die polnischen Medien verfolgt. Da gibt es fast jeden Tag große Berichte, Filme oder Dokumentationen über den ehemaligen Papst. Er ist für viele Polen so etwas wie eine Vaterfigur. Und die freuen sich nun wirklich ungemein, dass „ihr Vater“ selig­gesprochen wird. Das hat nicht nur eine religi­öse, sondern auch eine sehr menschliche Dimension. Und ich muss ehrlich sagen, auch mich hat diese Begeisterung angesteckt.  Ist diese Seligsprechung auch eine Art Anerkennung der polnischen Religiosität? Krzyzan: Ich denke, manche in Polen sehen das so. Aber gerade kirchennahe Zeitungen  sehen das kritischer. Namhafte Priester und Publizisten schreiben da, dass die Polen seine Botschaft vielfach nicht verstanden haben. Natürlich haben seine Besuche das Volk  begeistert und gestärkt, aber vieles blieb doch eher an der Oberfläche. Gerade was seine Wertschätzung für die Juden angeht, seine Offenheit gegenüber anderen Religionen und Andersdenkenden oder seine Betonung der Freiheit des Christenmenschen, das ist in  der Praxis der polnischen Kirche nur wenig an­gekommen. Soweit ich das sehe, hatte die Begeis­terung, die Johannes Paul in seiner Heimat entgegenschlug, eher mit dem Gefühl „Wir sind Papst“ als mit seinen spirituellen und prophetischen Akzentsetzungen zu tun. Und natürlich auch mit seiner Rolle im Kampf um die Freiheit. Über den Beitrag von Johannes Paul II.  zur Wende wird bis heute viel diskutiert. Wie bewerten Sie das?Krzyzan: Als Karol Wojtyla 1979 zum ersten  Mal als Papst in seine Heimat kam, herrschte dort das Kriegsrecht. Und für die Polen war klar: Einer von uns ist frei, einer kann reden.  Und sie fühlten sich durch das, was er sagte, auch zwischen den Zeilen, verstanden und  gestärkt. Als er vom Geist, der das Antlitz der Erde erneuern möge, sprach, war das für die Millionen Zuschauer im Land auch eine politische Botschaft. Es ist keine Frage, er hat die Polen moralisch gestützt und er hat sie auch über verschiedene Kanäle politisch beraten. Sein Treffen mit Gorbatschow im Dezember 1989, bei dem beide über ihren Schatten  gesprungen sind, war wie Wasser auf die Mühlen der Freiheitsbewegung.  Warum hatte dieser Kirchenmann so eine Wirkung?Krzyzan: Dazu muss man wissen, dass Polens Kirche als Trägerin des nationalen Zusammenhalts durch die Geschichte einen starken Rückhalt beim Volk hatte, auch in ihrem  Widerstand gegen den Kommunismus. Für uns Junge war die Kirche damals ein Ort der Freiheit und der Wahrheit, die uns half und stützte, in diesem menschenverachtenden und korrumpierenden System aufrecht zu  leben. Und dabei spielten Bischöfe wie Karol Wojtyla eine große Rolle. Ich erinnere mich noch gut, wie wir bei ihm in Tschenstochau Exerzitien machten – eine Gruppe von Seminaris­ten, die gerade aus einer Strafkompanie der Volksarmee entlassen worden war, wo wir zwei Jahre lang physisch und psychisch drangsaliert wurden. Wie er uns damals aufgerichtet hat, Mut gemacht hat und uns beglückwünscht hat, dass wir das durchgestanden haben und uns selbst und der Kirche treu geblieben sind, da wussten wir: der versteht uns, der steht zu uns – und er weiß aus eigener Erfahrung, wovon er redet.  Karol Wojtyla war für Sie offensichtlich ein Vorbild. Wo ist es Papst Johannes Paul II.?Krzyzan: Ich möchte nur einige Beispiele nennen, die mich zum Teil sehr stark bewegt haben, Ereignisse und Begegnungen mit einem starken symbolischen Charakter. Mit dem Friedensgebet in Assisi, für das der Papst von konservativen Kreisen stark kritisiert wurde, hat er die Auseinandersetzung mit den Konflikten dieser Welt auf eine spirituelle Ebene  gehoben und dabei eine neue Dimension der gemeinsamen Verantwortung der Religionen  für diese Welt geöffnet. Er war der erste Papst, der eine jüdische Synagoge besucht und an der Klagemauer gebetet hat. Seine berührende Begegnung mit Holocaustopfern in Auschwitz hat wohl auch damit zu tun, dass er seit seiner Jugend mit Juden aus Wadowice und Krakau befreundet war. Beeindruckt hat mich auch sein Zugehen auf den Islam. Er wollte damit die sich verhärtenden Fronten zwischen dem Westen und der islamischen Welt auf seine Art durchbrechen. Es war schon ein unheimlich starkes Zeichen, als er beim ers­ten Besuch eines Papstes in einer Moschee  einen Koran geküsst hat. Umgehend warfen ihm die Piusbrüder vor, er habe den Teufel geküsst. Gefreut hat mich auch, wie es ihm immer wieder gelang, bei seinen Reisen oder bei den Weltjugendtreffen so viele Menschen zu begeistern. Er wollte damit, so sehe ich das, in einer Welt des wachsenden Individualismus das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und die Menschen ermutigen, mit dem Blick auf Jesus gemeinsam die Welt zu gestalten. Persönlich sehr berührt hat mich auch, als er im südpolnischen Bielsko Biala dem dortigen evangelischen Pfarrer einen Kelch und eine Patene übergab. Auch wenn das nicht die von vielen erhoffte Öffnung zum gemeinsamen Abendmahl brachte, so war das für mich doch ein Ansporn, im Miteinander so weit zu gehen, als das nur möglich ist – auf der menschlichen Ebene ebenso wie in der Seelsorge. Dieses Beispiel zeigt auch gut die zwei Seiten dieses Papstes: Er war ein sehr leben­diger, charismatischer Mensch, der in seinen Zeichen viele Grenzen überschritten hat, dazu gehören auch seine Vergebungsbitten für die Sünden der Kirche, der aber, was die Strukturen und die Disziplin angeht, Veränderungen sehr skeptisch gegenüberstand. Ich habe darunter sehr gelitten. Haben Sie eine Erklärung für diese „zwei Gesichter“, die sich ja auch darin zeigten, dass er in manchen Fragen sehr progressiv war, in anderen sehr beharrend.Krzyzan: Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass er Angst hatte, dass in der Kirche etwas wegbrechen könnte, wenn er die Tore aufmacht. Vielleicht hängt es auch mit seiner polnischen Erfahrung zusammen, dass sich die Leute von der Kirche eine klare Orien­tierung erwarteten. Ich erinnere mich an eine polnische Familie in unserer Klinik, die nach einem Unfall über eine Organspende entscheiden sollte. Ihre Antwort war: Wir stimmen zu, weil der Papst sagt, das ist ein Dienst am Leben. Dass er den Zynismus des Kapitalismus und Liberalismus ebenso scharf kritisierte wie den Kommunismus hat sicherlich mit seiner Erfahrung zu tun, wie ein Menschenbild, in dem Gott keinen Platz hat, den Menschen und die Gesellschaft entstellt. Vermutlich hat seine Ablehnung der Befreiungstheologie, die mich sehr geschmerzt hat, auch den Hintergrund, dass er Sorge hatte, das Ein­sickern marxistischer Ideen könnte das christliche Menschenbild verdunkeln.  Manche üben Kritik an der doch sehr raschen Seligsprechung. Wie sehen Sie das?Krzyzan: Ich habe damit kein Problem, ich freue mich darüber. Und ich hoffe, dass man ihn dadurch nicht auf einen unerreichbaren Altar hinaufstellt. Denn Karol Wojtyla war für mich und viele andere ein Papst zum Anfassen, ein Mensch, der uns nahe war, besonders auch in seinem Leiden, der aber auch ein Mensch mit Grenzen und Fehlern war, an denen sich viele gerieben haben. Dass die Kirche so jemanden bei Gott denkt, ist für mich ein starkes Hoffnungszeichen: Heiligkeit ist nicht etwas für ein paar Auserlesene, Heiligkeit  geschieht mitten im Leben, dort wo sich Menschen bemühen, den Spuren Jesu zu folgen und sich seiner Liebe anzuvertrauen – mit ihren Stärken und mit ihrem Unvermögen.  
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