Wir müssen mehr voneinander wissen

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„Wer wirft den ersten Stein? Unterdrückung von Frauen durch Religion“ – Christa Chorherr beleuchtet in ihrem aktuellen Buch die Entwicklung der Rolle von Frauen in Judentum, Christentum und Islam. Mit ihrem Werk will die Wienerin vor allem eines – Vorurteile abbauen.

Ein Interview von Susanne Huber

 

Was war der Anlass für Sie, ein Buch über die Unterdrückung von Frauen durch Reli-gion zu verfassen?
Christa Chorherr: Wir verwenden zwar in unserer Schreibe ein „I“, um in Wörtern sowohl die weibliche als auch die männliche Form darzustellen, aber trotz alledem gibt es noch immer die große Einkommensschere und es gibt auch noch immer den „gläsernen Plafond“, das heißt hoch qualifizierte Frauen, die in einem Unternehmen gleich viel leisten wie ihre männlichen Kollegen, schaffen den Aufstieg ins Top-Management trotzdem nicht. Und es ist meines Erachtens einmal wert ge­wesen zu schauen, welche Rolle die Religion bei der Entwicklung der Frauen gespielt hat.

Welche Rolle hat sie denn gespielt?
Chorherr: Wenn man sich das in Summe anschaut, hat die Instrumentalisierung der Religionen – nicht die Religionen selbst, nicht die Religionsstifter, denn die sind sehr revolutionär im Hinblick auf die Einführung von Frauenrechten gewesen – dazu beigetragen, dass es zu einer Unterdrückung der Frauen gekommen ist. Die heiligen Schriften des Judentums, des Christentums und des Islams sind ja von Männern geschrieben worden.

Können Sie das konkreter erklären?
Chorherr: Wenn wir jetzt zum Beispiel beim Christentum bleiben, so hat doch Jesus Frauen in seiner Umgebung gehabt. Es waren die Frauen, die unter dem Kreuz gestanden sind, es waren die Frauen, welche die erste Auferstehungsbotschaft bekommen haben. Und dann ist da Paulus, der viel Positives zu und über Frauen gesagt hat und der über die Gleichheit aller Menschen in seinem Brief an die Galater (3, 26–29) schreibt. Er adressierte auch Briefe an Frauen und hat die Hauskirchen anerkannt, die in den frühen christlichen Gemeinden von Frauen geleitet wurden. Paulus hat aber auch die Regeln, die in der damaligen Gesellschaft gegolten haben, etwa dass Frauen den Kopf verhüllen sollen oder dass Frauen schweigen sollen, siehe 1. Korintherbrief, aufgenommen. Und das ist widersprüchlich.

Wie erklären Sie sich das?
Chorherr: Nun, ich bin keine Fachfrau für Bibelauslegung – ich gehe davon aus, dass Paulus diese Regeln über die Frauen aufgrund von Umständen oder Situationen der damaligen Zeit gesagt hat, denn sie widersprechen den vielen anderen positiven Aussagen des Paulus über die Frauen und über das Gleichheitsprinzip. Möglicherweise sind im Laufe der Zeit Texte erst später in die Bibel eingefügt, umgeschrieben, anders interpretiert worden. Aber sie sind festgeschrieben und sie werden Sonntag für Sonntag in der Kirche gelesen. Es waren dann die Kirchenväter, die ein negatives Frauenbild weitergeführt haben, beispielsweise dass die Frau die Versuchung darstellt oder dass die Frau Männer ablenkt von religiösem Denken.

Dieses negative Bild der Frau hat sich ja ab der Aufklärung wieder langsam verändert?
Chorherr: Ja, der Schnittpunkt, ab wann sich beispielsweise für Jüdinnen und Christinnen das Leben nachhaltig veränderte, ist die Aufklärung. Die katholische Kirche hat anfänglich den einzelnen Rechten, die da etwa zur Verbesserung der Situation von Frauen deklariert wurden, nur sehr mühselig und langsam zugestimmt. Es ist auch so, dass die Französische Menschenrechtserklärung von 1789 ursprünglich zunächst nur für Männer gegolten hat. So ist zum Beispiel im Rahmen der französischen Revolution eine Frau noch auf die Guillotine gekommen, wenn sie Menschenrechte für sich eingefordert hat. Erst nach und nach sind diese Männerrechte zu Menschenrechten geworden und erst seit der Aufklärung waren Frauen in der Lage, für ihre Rechte zu kämpfen. Ausgegangen ist die Frauenbewegung vom Judentum, von den gebildeten Salon-Jüdinnen, die ja dann zu Frauenrechtlerinnen wurden und zu Beginn des 20. Jahrhunderts für ein allgemeines Frauenwahlrecht eingetreten sind. Das heißt, es hat sich zunächst auf politischer Ebene abgespielt. Nur langsam wurden Frauen wieder kirchlich eingebunden. Mit der Entstehung der protestantischen Diakoniebewegung im 19. Jahrhundert knüpften sie beispielsweise an frühchristliche Gemeindemodelle an und verschafften sich so das kirchliche Amt der Diakonin. Den Platz, den Frauen in den frühen Kirchen als gleichberechtigte Mitarbeiterinnen einmal hatten, den gilt es, sich wieder zu erkämpfen. Aber die Freiheit, die Frauen bis jetzt erreicht haben, gibt es nicht in allen Religionen. Im Islam wurde die Aufklärung nie in der Form verarbeitet, wie das im Judentum und im Christentum geschehen ist.

Sie wollen mit Ihrem Buch auch dazu beitragen, Vorurteile abzubauen ...
Chorherr: Selbstverständlich. Für mich ist ganz wesentlich in diesem Kontext, dass wir die Musliminnen besser verstehen. Es gibt ja in Österreich bereits eine große Anzahl von Muslimen und die wächst, selbst wenn wir keine weitere Einwanderung haben. Das sind Österreicher/innen und diese sind als solche zu respektieren. Und wir können sie nur res­pektieren, wenn wir nicht an der Oberfläche bleiben und abfällig über die „Kopftüchlweiber“ sprechen. Man soll versuchen, die Motive und die Entwicklung der „anderen“ zu verstehen. Mein Ziel ist, dass Frauen nicht übereinander, sondern miteinander reden. Um das  zu können, muss man mehr voneinander wissen. Es gibt hundert Gründe für eine Muslimin, ein Kopftuch zu tragen, und es ist nicht notwendigerweise ein Zeichen der Unterdrü-ckung durch den Mann.

Welche Gründe können das sein?
Chorherr: In den vergangenen zehn Jahren hat es zum Beispiel in Wien eine starke ­Entwicklung dahingehend gegeben, dass viel mehr Mädchen mit Kopftüchern in die Schule kommen. Deren Mütter haben wahrscheinlich in Österreich ihr Kopftuch schon ­abgelegt, aber diese Mädchen möchten ­betonen, dass sie Musliminnen sind, sie ­drücken ihre Identität durch das Tragen des Kopftuchs aus. Außerdem ist es so, dass ­Frauen, die einen Muslim heiraten wollen, durch das Tragen des Kopftuchs ihre Heirats­chancen wesentlich verbessern. Andere ­Musliminnen wiederum fühlen sich ohne das Kopftuch schutzlos.
Es gibt aber Musliminnen, die gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen ...
Chorherr: Ja sicher, die gibt es. Und da ­schließe ich mich der Meinung Barack ­Obamas an: Weder der Vater, noch der Onkel, noch der Sohn, noch der Ehemann, aber auch nicht der Staat sollen darüber entscheiden, was eine Frau trägt. Wobei ich sagen muss, wenn das Gesicht verhüllt wird, wie es bei der Burka der Fall ist, gibt es Einschränkungen – etwa an der Grenze, da muss überprüfbar sein, wer ins Land einreist; oder wenn jemand eine Arbeit sucht und sie aufgrund des Tragens ­einer Burka nicht bekommt, da würde ich nicht unbedingt Arbeitslosengeld geben. Aber ich kenne bei uns ganz wenige Fälle von Burka tragenden Frauen. In Wien sind es meist die Ehefrauen ­reicher Saudis, die hier Urlaub machen. ­Denen kann man schon gar nicht verbieten, die Burka zu tragen. Es soll keiner Frau ­vorgeschrieben werden, wie sie sich anzieht. Wir schreiben auch einer Nonne nicht vor, wie sie sich kleiden soll. Wenn sie der ­Vorschrift ihres Ordens genügt, ist das
eine Freiwilligkeit.

Sie sagen auch, das Kopftuch kommt ursprünglich nicht aus dem Islam ...
Chorherr: Ja, denn die Verschleierung der Frau hat ihre Wurzeln in Mesopotamien und dem Mittelmeerraum. Griechische Göttinnen haben ihre Schleier teilweise über dem Kopf getragen. Im Altertum zogen alle besseren Frauen ein Tuch über das Haupt. Früher hatten in Europa Bäuerinnen auf dem Feld, aber auch Frauen in der Kirche ein Kopftuch auf und sie trugen einen schwarzen Schleier, wenn sie zum Papst gegangen sind. Das Kopftuch hatte auch den Sinn, die Frau vor unanständigen Blicken zu schützen, weil die Haare angeblich so erotisch wirken. Für Frauen, die in der Wüste leben, wo es oft Sandstürme gibt, ist es nützlich, wenn sie etwas über Mund und Nase ziehen können. Man darf diese Aspekte nicht vergessen. Im Islam gibt es ein paar Suren, die es nicht anordnen, aber empfehlen, dass Frauen ein Kopftuch tragen sollen. Aber eine Gesichtsverhüllung, wie es etwa bei der Burka der Fall ist, schreibt der Islam nicht vor. Es gibt eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, worin steht, dass die Verhüllung des Gesichts nichts mit dem Islam zu tun hat.

 

Buchtipp: „Wer wirft den ersten Stein? Unterdrü-
ck­ung von Frauen durch Religion“ von Christa ­Chorherr. Leykam Verlag, 2010.­ Euro 24,90.

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