Unser heimlicher Adventkalender

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Für unser jüngstes Enkelkind hab’ ich kürzlich einen Adventkalender besorgt. In den Sinn gekommen ist mir dabei der Adventkalender meiner Kindheit, blau mit goldenen Fenstern und Türen. Geliebt hab’ ich ihn und seine Bilder auswendig gekannt, schließlich gab es bei uns in der kargen Nachkriegszeit nur diesen einen – alle Jahre wieder. 

Ingeborg Ladurner 

Wie wär’s, wenn wir hoffentlich nicht allzu Erwachsenen uns selber einen unsichtbaren, aber wirksamen Adventkalender schenken würden? Das Material dazu liegt bereit: Es ist unsere Zeit, unsere Wachheit und unser guter Wille, in den unerbittlich ablaufenden Tag ein kleines Zeitfenster einzufügen und aufzumachen, damit irgendetwas Ernstes oder Heiteres, Bereicherndes oder auch Erschütterndes, ein Gedanke oder ein Licht bei uns landen, uns berühren kann.
Unser geheimer Kalender trägt die Aufschrift: Advent heißt Ankunft – was kommt bei mir an? Ganz sicher würden wir für uns selbst und die Mitmenschen „bekömmlicher“, wenn wir uns auf die wesentliche Frage einließen: Was darf in unseren Herzen ankommen?
Die Bereitschaft, sich zu öffnen, lässt im Kalender unserer Lebenszeit Fenster und Türen in verschiedenen Formen und Größen entstehen: 

  • Da gibt es die winzige Luke, durch die wir das Morgenrot und die kleine Auferstehung des Aufstehens wahrnehmen.
  • Die Fenster unserer Augen, die sich an den beschneiten Bergen erfreuen, oder am Tanz der Flocken oder am Eifer der Vögel beim Futterhäuschen, – lauter bewusste Momentaufnahmen, nicht zeitraubend, sondern zeitanreichernd.
  • Machen wir sie doch auf, die herzförmigen Türen für die Gastfreundschaft unseres Herzens! Unser freundliches Lächeln für das Kind im Wagele, – das Stehenbleiben
  • bei der alten, gebeugten Bekannten, – der Augenblick für einen Augen-Blick in unseren Begegnungen; coffee-to-go für die frierende 20er-Verkäuferin, unser hörendes Herz für die Sorgen der Menschen.
  • Auch beim Schlangestehen am Postamt wollen wir die unwiederbringlich verrinnenden Minuten nicht totschlagen, sondern mit Leben füllen: Statt ungeduldigem, vorwurfsvollem Seufzen gelingt uns vielleicht ein gutes Wort zur Aufhellung der versteinerten Gesichter, – oder die Einkehr bei uns selbst, um einem Gedanken nachzuhängen, ein Gedicht oder einen Psalm inwendig zu wiederholen, – Zeitverbleib statt Zeitvertreib.
  • Sternförmig die Fensterchen für die Dankbarkeit: Die schwere Einkaufstasche, der klebrige Keksteig in unseren Händen, das warme Essen auf dem Herd, lauter Lebensmittel, die wir glücklich schätzen dürfen.
  • Dann gibt’s noch die schmalen Lichtschlitze für die Stille, die wir begrüßen, indem wir manchmal Radio und Fernseher ausschalten; und ein Türl wie ein goldenes Ohr für unser Lauschen nach innen.

Da wir täglich ganz nach Gutdünken auch mehrere Fenster öffnen können, bringt unser heimlicher Adventkalender uns nicht nur Freiheit, sondern auch einen leisen Glanz der Zuversicht in unsere Umgebung. Und der Adventkalender wirkt nachhaltig; etwas verändert sich und lässt uns in dieser kalten Winterzeit ein wenig wachsen.

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